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Roman Polanski

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Roman Polanski


Ab ins Polanskino


Eine unvollständige Geburtstagsfilmografie

- von Jakob Sobe -


Wenn das keine Schlagzeile ist: Elf Monate mussten vergehen, äonenlange Tage, nicht enden wollende Nächte, Schnee, Regen, Schneeregen, Wirbelstürme und Taifune – nun ist es so weit, er ist zurück, dumpf-brütend, hitzig-schwül wie wir ihn kennen und hasslieben, der Höhepunkt des Sommers, der dümmste aller dummen Auguste, ja, der Kaisermonat August ist nach Berlin zurückgekehrt und mit ihm die Gelegenheit, mit eisigem Bier oder aasiger Bionade ausgestattet auf der heimischen Couch rumzuhängen und, anstatt in Urlaub zu fahren, ununterbrochen Filme zu gucken.

Filme – aber was für welche? Nun, die Frage beantwortet sich fast von selbst, feiert doch nicht nur der Monat zum was-weiß-ich-wievielten Mal sein Jubiläum, nein, auch Roman Polanski tut es, in seinem Fall das 75. – denn am 18. August 1933 erblickte dieser Riese unter den kleinwüchsigen Regisseuren in Paris das Licht der Welt und ist seitdem nicht müde geworden, selbiges durch seine Filme zu filtern (das Licht, weniger Paris) – Grund genug, einen Blick auf sein Lebenswerk, speziell die früheren, allgemein eher unbekannteren Filme zu werfen und mit dem August also auch gleich den Roman zu feiern. Was wäre der eine auch ohne den anderen? Und der andere ohne den einen?

The Fearless Vampire Killers, Rosemary’s Baby, Chinatown, zuletzt z.B. auch Oliver Twist – wer, wenn er sie kennt, liebt sie nicht, diese melancholischen, schwarzhumorigen, tragischkomischen Kunstwerke, in denen jedes Detail zueinander paßt und durch die sich uns Blicke eröffnen in perfekt-künstliche, dadurch wieder vollkommen realistische Alternativwelten? Oder Frantic, Le locataire und The Death and the Maiden mit ihrer paranoiden Stimmung, Bitter Moon als eine der grausamsten, weil unerbittlich-wahrsten Beziehungsanalysen, quasi eine Sezierung der Wollust, und natürlich den etwas kommerziellen, aber immer noch sehenswerten The Pianist, für den er den Regieoscar bekam (den er allerdings nicht entgegennehmen konnte, weil in den USA immer noch ein Haftbefehl aus den 70ern wegen Kindesmissbrauchs gegen ihn läuft – interessante Geschichte, die man ausführlich nachlesen kann in Polanskis Autobiographie, wo er z.B. auch spannend über seine eigene, durch die Nazis im besetzten Polen missbrauchte Kindheit und den Mord an seiner zweiten Frau, der wunderschönen Sharon Tate, durch die Manson-Familie berichtet) – ja, man kann nur hoffen, der Bursche möge 100 werden und noch lange weiter drehen, die Gesellschaft braucht ihn wie die Wunde den Finger. Und in diesem Zusammenhang also im Folgenden ein Blick auf die frühen Schwarz-Weiß-Filme, auf Nóz w wodzie, zu Deutsch: Das Messer im Wasser, auf Repulsion und auf meinen Favoriten, auf Cul-de-Sac: drei kleine, feine, ruhige, kluge psychologische Meisterwerke.

DAS MESSER IM WASSER

Nóz w wodzie – schon der Titel eine Festschmaus für jeden Psychoanalytiker: Phallus trifft Vagina, um genau zu sein Phalli, denn es geht um zwei Männer und eine Frau, deren einer, der jüngere, ein dubioser Anhalter, das titelgebende Messer mit sich führt, der andere, ein selbstgerechter Ehemann, gleich ein ganzes Boot, in und auf dem die Drei dann über einen masurschen See gondeln und sich auf die Nerven gehen. Wie das Ganze ausgeht, welcher Phallus schließlich in den Fluten versinkt und welcher oben bleibt, soll hier nicht verraten werden – nur ein paar Worte zum überwältigend schönen Stil (für den Polanskis erster abendfüllender Spielfilm einen Preis in Venedig gewann und für den Auslandsoscar nominiert wurde, den dann allerdings Fellini mit 8-1/2 abstaubte).

Der Film strotzt nur so von unvergesslichen kleinen Szenen; einer meiner Lieblingsmomente ist z.B., wenn der junge Mann, träge in der Sonne lümmelnd, seinen ausgestreckten Finger beobachtet und dabei abwechselnd die Augen zukneift – die subjektive Kamera „springt“ daraufhin, der Finger rückt im Schnitt von Links nach Rechts, wie es ja auch wirklich ist (bitte gleich mal nachprüfen). Auf so etwas muss man erstmal kommen, dieser Sinn fürs Detail – den der Meister in der hier überbordenden Fülle später selten wieder erreicht hat – ist es ja wohl auch, was bedeutende Regisseure, damit die wirklich guten Filme, ausmacht.

Da Nóz w wodzie auch noch im Sommer, vermutlich im August, und eben am Wasser spielt, ist dieser Film demnach ein Muss, gerade jetzt, denn was ist noch schöner, als in der Hitze an einen See zu fahren und darin zu baden? Im kühlen Zimmer bequem genau davon zu träumen...


EKEL

Repulsion, in Germanien etwas sinnverzerrt als Ekel vertrieben, erzählt eine andere Geschichte: Carole Ledoux alias Catherine Deneuve (geistesabwesend-kühl und sehr erotisch, zumal sie die meiste Zeit nur [un]ziemlich leicht bekleidet durch schwüle Zimmer schreitet) verbringt einige grausige Sommerwochen allein in der Wohnung, nachdem die Schwester mit dem Liebhaber in Urlaub gefahren ist, und verfällt dem Wahnsinn.Wie Polanski diesen, z.B. ihre Halluzinationen von fremden Männern, die sie vergewaltigen wollen, oder den Verfall der Wohnung, die Verwesung eines einstmals bratbereit gelegten Kaninchens inszeniert, ist, wie gewohnt, atemberaubend und schafft ein sich stetig steigerndes Beklemmungsgefühl, dessen Auflösung in gewissem Sinn auf das spätere Chinatown hindeutet, oder auch gerade nicht, denn wenig ist ganz klar in diesem höchst subjektiven Frauenporträt (das man innerhalb des Polanskiwerkes dann noch am ehesten mit dem höchst subjektiven Männerporträt Le locataire vergleichen muss).

Ganz ähnlich und natürlich doch auch wieder völlig anders ist übrigens Carl Andersens Jungfrau am Abgrund, der eine analoge Geschichte in gewissermaßen ähnlich alptraumhaften Bildern erzählt, ohne dass der Regisseur allerdings nach eigener Angabe jemals Repulsion gesehen hätte. Eine geheimnisvolle Jungsche Synchronizitätserscheinung? Wer weiß – um das herauszufinden, müsste man sich beide Filme gleich noch mal anschauen, auf jeden Fall aber Repulsion, der, nebenbei bemerkt, auch wesentlich besser synchronisiert ist als die Jungfrau am Abgrund.


WENN KATELBACH KOMMT

Cul-de-sac, den die Deutschen Wenn Katelbach kommt genannt haben, ein Titel, der in diesem Fall gar nicht so fern liegt, da Polanski seinen Film selbst eine Zeitlang so nennen wollte, kehrt in der Geschichte ungefähr wieder zu Nóz w wodzie zurück: In ihrer verfallen-unordentlichen, durch Ebbe und Flut periodisch vom Festland abgetrennten englischen Burg leben der eierköpfige George (Donald Pleasence) und seine Frau Teresa (Francoise Dorléac, die Schwester von Catherine Deneuve) in unharmonischer Ehe, umgeben von Dutzenden Hühnern, deren Eier ihre einzige Speise darzustellen scheinen; zu ihnen gesellen sich zwei Gangster, der sterbende Albert (Jack MacGowran, den Polanski in seinem nächsten Film The Fearless Vampire Killers erneut einsetzte, als einsteinesquen Professor Ambrosius) und der wilde Richard (Lionel Stander, bekannt als Diener Max in Hart aber herzlich). Sie erwarten Katelbach, ihren Chef, der sie abholen kommen soll.

Stattdessen – aber das kann jeder selber sehen, nur so viel: Die Atmosphäre dieser einzigartigen Tragik-Komik-Groteske ist von Anfang bis Ende im besten und wahrsten Sinn einfach hervorragend „seltsam“, traumhaft, verschroben, unheilsschwanger, erotisch aufgeladen, erfüllt von rätselhaften Symbolen (die Hühner, die Eier, Georges Glatze, das Meer und die Burg...) und voll skurriler Ereignisse, witzig-brillanter Dialoge (ungefähr in der Mitte haben wir ein betrunkenes Gespräch zwischen George und Richard, während Teresa schwimmen geht – unglaublich!), gestochen scharfer Schwarz-Weiß-Bilder – kurz und gut: Der Film ist phantastisch und in sich perfekt. Und da er nun auch wieder im Sommer, aller Wahrscheinlichkeit nach im August spielt, und – muss ich mehr sagen?

Der Vollständigkeit sei noch rasch auf Polanskis Kurzfilme verwiesen, welche, da fast gänzlich in seiner frühen Schaffensphase entstanden und meistens in Schwarz-Weiß, stilistisch den drei besprochenen Werke relativ ähnlich sind. Besonders bemerkenswert fand ich hier Gdy spadaj anioly (Wenn Engel fallen) über eine uralte polnische Klofrau, die sich an ihre Jugend erinnert (und als junge Frau von der zauberhaften Basia Kwiatkowska aka Barbara Lass, Polanskis erster Gattin, gespielt wird), und Le Gros et le maigre (Der Dicke und der Dünne), wo man, neben dem Regisseur höchstselbst in der Rolle des Dünnen, als Dicken das Vorbild für den nicht auftauchenden Katelbach aus Cul-de-sac bestaunen kann: Polanskis damaligen Kumpel André Katelbach.

Gerade eine Analyse der Kurzfilmthemen erlaubt natürlich auch wieder einen differenzierten Blick aufs Gesamtwerk, die darin immer wieder anklingenden Themen und Motive, daher seien sie hiermit also auch nicht nur emp-, sondern befohlen – und damit Schluss! Warum über Filme schreiben oder lesen, wenn man sie sehen kann? – oder gar machen, was die einzige legitime Entschuldigung wäre, sich nicht sofort mal wieder ins Polanskino zu begeben. Also los jetzt!

- Jakob Sobe  -

FILMOGRAFIE

• 1962 Nóz w wodzie / Das Messer im Wasser

• 1965 Repulsion / Ekel

• 1965 Cul-de-Sac / Wenn Katelbach kommt

• 1967 The Fearless Vampire Killers / Tanz der Vampire

• 1968 Rosemary‘s Baby

• 1971 Macbeth

• 1973 Che? Was?

• 1974 Chinatown

• 1976 Le locataire / Der Mieter

• 1979 Tess

• 1986 Pirates / Piraten

• 1988 Frantic

• 1992 Bitter Moon

• 1994 The Death and the Maiden / Der Tod und das Mädchen

• 1999 The Ninth Gate / Die neun Pforten

• 2002 The Pianist

• 2005 Oliver Twist

° 2010 Der Ghostwriter

° 2011 Der Gott Des Gemetzels

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