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Akira Kurosawa

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Akira Kurosawa
Tenno Akira

 von Jakob Sobe

 


Japan im 16. Jahrhundert: Bürgerkrieg zerreißt das Land. In Kyoto bricht das Muromachi-Shogunat zusammen, Provinzfürsten ringen um die Vorherrschaft, herrenlose Samurai, sogenannte Ronin, streunen umher und tun ihr übriges, um das östlichste Land der Welt noch weiter zu erschüttern (dahinter beginnt bekanntlich schon der Wilde Westen), Bauernaufstände, Massaker, Revolten wohin man blickt –
kurz und schlecht: wir befinden uns im Zeitalter der Jidai-geki, der historischen Schwerkampf- bzw. Samuraifilme – und damit im Herzen des Gesamtwerkes von Akira Kurosawa.

Kurosawa: Vor Einsetzen der alles nivellierenden Globalisierung der vermutlich westlichste Regisseur Japans, zumindest der, welcher den japanischen Film 1951 durch Rashomon bei den Filmfestspielen in Venedig weltbekannt machte: Nicht ohne Grund nannte die japanische Presse ihn ehrerbietig tenno, also Kaiser, wobei sein Name dann allerdings häufig in katakana, der Silbenschrift für fremde Lehnwörter, geschrieben wurde. Kurosawa: Nichtsdestotrotz Sproß einer alten Samuraifamilie und Zeit seines Lebens dem bushido, dem Kodex der Samurai, verhaftet geblieben: Als beispielsweise sein erster Farbfilm, Dodeskaden (Menschen am Abgrund) 1970 bei Publikum wie Kritikern durchfällt, begeht er, wie man es von einem gescheit(ert)en Samurai erwarten sollte, auch prompt einen ernsthaften Selbstmordversuch. Wenn das nicht japanisch ist…

Eigentlich wollte er ja Maler werden, debütierte stattdessen dann aber 1943 mit Sugata Sanshiro (Judo Saga) als Regisseur. Da die Handlung nach Abschaffung der Samuraiklasse durch die Meiji-Restauration spielt eigentlich keine Samurai-, sondern eine Judogeschichte, aber Ehr- und Pflichtgefühl des Judokaprotagonisten wirken trotzdem ziemlich samurai-ig – und überhaupt: Ist man denn nur mit Schwert und Rüstung Samurai? Einer der überzeugendsten Kurosawa-Samurai, zumindest der, welcher die Moral des bushido von all seinen Filmhelden mit am tiefsten verinnerlicht zu haben scheint, ist Kanji Watanabe (gespielt vom großartigen Takashi Shimura) in Ikiru (Einmal wirklich leben): Ein unauffälliger Beamter des 20. Jahrhunderts, der in seinen letzten Lebensmonaten die ganze lahme Behörde, bei der er angestellt ist, mit seinem Tatendrang durcheinander bringt. Wenn auch kein klassischer Jidai-geki, so doch wirklich ein Wahnsinnsfilm: Beginnt mit der Röntgenaufnahme von Watanabes Magen, während uns ein zynischer Erzähler aus dem Off erklärt, daß in diesem Magen ein Tumor wachse, von dem der Träger noch nichts wisse und der ihn demnächst umbringen würde. Wenn irgendwas tragischkomisch ist, dann wohl sowas, und was ist unterhaltsamer als eine gute Tragikkomödie?

Takashi Shimura spielt in vielen Filmen Kurosawas, darunter auch im berühmten Shichinin no Samurai (Die sieben Samurai), der Hollywood so beeindruckte, daß prompt ein Remake entstand: The Magnificent Seven (Die glorreichen Sieben) unter der Fuchtel von John Sturges. Keineswegs die einzige Neuauflage dieses Meisterwerks, in welchem die titelgebenden sieben Samurai (von denen zwei eigentlich gar keine sind) einem armen Bauerndörfchen gegen wilde Bergbanditen beistehen, aber sicher die eigenständigste und in sich schlüssigste, und wenn man die Einflüsse des Westerns, vor allem der John-Ford-Filme, auf Kurosawas Werk bedenkt, eigentlich ganz legitim. Dabei verstand es Tenno Akira allerdings immer, zwar typische Westernsettings wie Duellszenen oder Pferdekämpfe zu übernehmen, dabei aber, vor allem durch den Einsatz von Wetter (Schlamm, Regen, herbstliche Blätterstürme), vollkommen unamerikanisch und neu zu wirken – und durch die Verwendung genialer neuer Schnitte, Licht- und Schatteneffekte und mancher Filmtricks mehr, die dann allesamt den Weg um die Welt machten.

In diesem Zusammenhang sei vor allem auch auf Kakushi Toride no San-Akunin (Die verborgene Festung) sowie Yojimbo verwiesen: Den ersten, einen herrlichen Abenteuer-Samuraifilm um einen Goldschatz und die titelgebende versteckte Festung voll grandioser Schwertkämpfe und mit einer todkomischen Stolperjagd eine Felswand hinauf, hat George Lucas bis auf die Knochen für seinen Star-Wars-Zirkus ausgeschlachtet (zwei Deserteure werden zu Droiden, die Prinzessin bleibt, viele Schnitte sind einfach direkt geklaut); den zweiten, eben Yojimbo, dessen Titelrolle der gewaltige Toshiro Mifune gibt, neben Takashi Shimura Kurosawas zweiter Stammschauspieler, hat u.a. Sergio Leone für den ersten Teil seiner Dollartrilogie, For a Fistful of Dollars (Für eine Handvoll Dollars) so skrupellos übernommen, daß im Nachhinein sogar hohe Strafgebühren an die japanischen Studios fällig wurden. Kann man demnach behaupten, Kurosawa habe neben der Weltraumoper auch den Italo-Western, wenn schon nicht direkt erfunden, so doch maßgeblich initialisiert? Irgendwie wohl schon…

Aber wie gesagt: Westlich war Kurosawa schon immer angehaucht, und warum soll die Inspiration nur in eine Richtung fließen? So ist z.B. der eben erwähnte Yojimbo nicht nur wegen seines coolen jazzigen Soundtracks, der immer wieder überraschenden Splattereffekte (abgeschlagene Hände, Arme, Köpfe – yeah!) und der brillanten Nutzung des engen Settings interessant (eine einzige Dorfstraße, kaum mehr, auf der im Laufe des Films Schlachten, Geiselnahmen samt Austausch, Gangstergetratsche, ein Hausbrand, eine Ausräucherung mit anschließendem Massaker und noch endlos viel anderes stattfinden), sondern – wenn man sich für solche Hintergründe interessiert – auch deshalb, weil die ach-so japanische Geschichte höchstwahrscheinlich direkt von Dashiell Hammets Rote Ernte inspiriert wurde, einem ziemlich blutrünstigen und sehr lesenswerten Klassiker der Schwarzen Serie – eine Ursprungsquelle, zu der Walter Hills spätes Yojimbo-Remake Last Man Standing mit Bruce Willis, zumindest was die Zeit der Handlung angeht, wieder nahe zurückkehrt.

Kehren wir jetzt zurück zu Kurosawas anderen Samuraifilmen: Neben den eben vorgestellten Shichinin no Samurai (Die sieben Samurai), Kakushi Toride no San-Akunin (Die verborgene Festung) und Yojimbo wären da unter den frühen Schwarz-Weiß-Werken noch der bereits erwähnte Rashomon, sowie Kumonosu-jo (Das Schloß im Spinnwebwald), Sanjuro und Akahige (Rotbart) aufzuzählen, letzterer eigentlich kein Samurai-, sondern ein Arztfilm, der aber im 16. Jahrhundert spielt und daher auch das Zeitalter der stolz-suizidalen Schwertkämpfer reflektiert. Die Handlung beruht in Teilen auf Dostojewskis Erniedrigte und Beleidigte – apropos: Kurosawa hat auch Dostojewkis Der Idiot verfilmt, allerdings wurde die Version vom Studio brutalst verstümmelt und auf weniger als die Hälfte zusammengekürzt; man ahnt nur noch, was das einst für ein Meisterwerk gewesen sein muß – und ist in ihrer Moral, dem einfachen bürgerlichen Humanismus, der Notwendigkeit der Nächstenliebe bei ständiger sozialer Ungerechtigkeit, typisch für Kurosawa. Übrigens sollte Akahige sowohl sein letzter Schwarz-Weiß-Film als auch die letzte Zusammenarbeit mit Toshiro Mifune werden. Zwei Jahre dauerten die Dreharbeiten, jedes Detail, bis hin zum Holz, aus dem das Krankenhaus besteht und welches in Alter und Form exakt der Zeit entspricht, in welcher die Geschichte spielt, stimmen akribisch; eine Detailverliebtheit, wie man sie außer bei Kurosawa wohl nur noch bei den wenigsten und größten Regisseuren wiederfindet – wer denkt in diesem Zusammenhang nicht wehmütig an Stanley Kubrick?

Sanjuro ähnelt als Geschichte Yojimbo (wurde, wie eine Fortsetzung, auch gleich danach gedreht) und auch Kakushi Toride no San-Akunin; vielleicht ist der von Toshiro Mifune gespielte mürrische Held tatsächlich auch immer die gleiche Person? (Dann hätte Leone bei seiner Dollartrilogie mit dem coolen Clint selbst das übernommen!) Diesmal unterstützt der umherwandernde Samurai einen Haufen verschreckter Lehnsleute, die in politische Intrigen hineingezogen und beinahe davon verschlungen werden. Sanjuro ist so humorvoll wie Kakushi Toride no San-Akunin und so cool wie Yojimbo, ein absolutes Muß für jeden Samurai-o-philen und, meines Wissens, bis heute noch nicht plagiiert worden: Eigentlich eine Schande! Wie sagte Oscar Wilde ganz richtig, Nachahmung sei die höchste Form der Bewunderung, und bewundern kann man Sanjuro kaum genug. Wo ist Hollywood, wenn man es braucht?

Rashomon hingegen wurde plagiiert, 1964 als The Outrage (Regie: Martin Ritt, mit Paul Newman als Toshiro-Mifune-Imitat – haha, nichts gegen Newman, aber wie will ein gaijin an Mifune ran reichen?), allerdings hält sich das Remake viel zu sehr ans Original und das Original ist viel zu gut, als daß die Sache Sinn machen könnte – oder nicht? Passenderweise geht es in Rashomon ja genau darum, um die Wahrheit, um Original und Fälschung, also Lüge, Verdrehung, kurz: um die Geschichte eines Verbrechens, das von den daran Beteiligten vor Gericht nacherzählt wird, in so vielen unterschiedlichen Versionen, wie Zeugen da sind. Das führt dann auch zu den unmöglichsten Varianten, darunter einer, in der wir den vermutlich witzigsten Schwertkampf der Filmgeschichte erleben, da beide Kontrahenten die ganze Zeit über panische Angst haben, dabei zu sterben. Und gibt es dann am Ende die Geschichte, die eine Wahrheit, auf die wir uns verlassen können? Das möge jeder, der das Glück hat, dies Meisterwerk bisher noch nicht gesehen zu haben, selbst neu herausfinden (alle anderen wissen bereits, das man diesen Film ein Leben lang immer wieder schauen kann) – aber trotzdem: So willkürlich es womöglich auch um die Wahrheit bestellt sein mag, unumstößlich steht die Tatsache, daß Kurosawas Original-Rashomon nunmal nach allen anlegbaren Kriterien wirklich besser ist als das Hollywood-Remake. Behaupte zumindest ich…

Kumonosu-jo (Das Schloß im Spinnwebwald) ist, wie auch der spätere, farbgewaltige Ran eine Shakespeareverfilmung, in diesem Fall die von Macbeth, und liegt optisch eher bei der düsteren Orson-Welles-Version als beim naturalistischen Polanski-Schinken. Besonders eindrucksvoll und unvergeßlich ist die Geisterszene (bei Shakespeare waren es noch drei Hexen), einer der deutlichsten Belege für den großen Einfluß des japanischen No-Theaters auf Kurosawas Schaffen, und das Ende des Films, der Tod Macbeths (wieder mal der unvergleichliche Toshiro Mifune) im Pfeilhagel seiner ehemals Untergebenen. Um den Bogen in diesem Zusammenhang gleich noch weiter zu spannen und damit den Kreis zu schließen: Ran, passenderweise ein Alterswerk und ebenfalls ein Jidai-geki, erzählt knapp 30 Jahre nach Kumonosu-jo den König Lear nach, und obwohl diese Behauptung in gewissem Sinn ein Sakrileg ist: Kurosawa macht mehr aus der Story als Shakespeare selbst! Wo wir uns beim alten Bill während der Geschichte doch irgendwann zu wundern anfangen, womit der grauhaarige Despot nun eigentlich so viel Grausamkeit verdient hat, löst Kurosawa diese Frage, indem er näher auf die Vergangenheit des Königs, seine Jugendsünden eingeht; wo Shakespeare die Gloucestergeschichte mehr oder weniger parallel zur eigentlichen Handlung entfaltet, man sie aber im Prinzip auch hätte weglassen können (Schiller ging später bekanntermaßen so weit, in seinen Räubern genau diese Nebenhandlung zur Hauptsache zu machen), integriert Kurosawa sie wesentlich stimmiger in die eigentliche Geschichte und rundet sie so erst richtig ab; wo bei Shakespeare drei Töchter den Vater beerben, sind es in Japan drei Söhne, wenn auch in ihren häßlichen Handlungen maßgeblich beeinflußt durch ihre schönen Gattinnen, was in patriarchalischen Feudalzeiten irgendwie auch glaubhafter wirkt. Unabhängig von alledem: Ran ist, und wäre es auch nur wegen des exzellenten Umgangs mit Farben und Schlachten, ein Vergnügen, das man nicht versäumen sollte. (Nur am Rande: Yume (Akira Kurosawas Träume), ein sehr seltsamer Episodenfilm, und auch und vor allem Dersu Uzala (Uzala der Kirgise), eine in Rußland gedrehte Arsenjew-Verfilmung über den alten Jäger Uzala, beweisen ebenfalls, wie dankbar wir sein können, daß Kurosawas erster Farbfilm nicht auch der letzte war und der davon ausgehende Selbstmordversuch scheiterte; was hier mit Farben angestellt, wie hier die Schönheit der Malerei bzw. Natur vorgeführt wird, sprengt nahezu die Netzhaut.)

Der letzte Samuraifilm in dieser Aufzählung, Kagemusha (Der Schatten des Kriegers), fünf Jahre vor Ran und fünf Jahre nach Dersu Uzala gedreht (gut, gut, gemeint ist 1980), erzählt die Geschichte eines Doppelgängers, welcher, nachdem der alte Fürst niedergeschossen wird, dessen Rolle in Kriegszeiten spielen muß – Kriegszeiten, wie es sie vorher in Japan niemals gab, werden doch neuerdings von portugiesischen Missionaren eingeschleppte Musketen eingesetzt und zerstören, physisch wie moralisch, die guten alten Zweierduelle der Samurai. Meinem Geschmack nach Kurosawas schwächster Jidai-geki, ist dieses Schlachtengemälde natürlich trotzdem immer noch sehenswert und gewann nicht ohne Grund die Goldene Palme in Cannes; außerdem wurde er für zwei Oscars nominiert, was aber, wie allseits bekannt, über die Qualität eines Filmes rein gar nichts aussagt. Wer gerne tote Pferde und Menschen sieht, wird jedenfalls auf seine Kosten kommen...

Noch vieles wäre zu berichten über Kurosawas Jidai-geki, und nicht nur über diese: Da sind ja auch noch Kenji Mizoguchis Genroku choshingura (47 Ronin) aus dem Jahre 1941, Hiroshi Inagakis Samurai-Trilogie aus den 50er-Jahren (mit Toshiro Mifune in der Hauptrolle), auch Dai-bosatsu tōge (Sword of Doom) soll zumindest mal genannt sein. Ebenfalls nicht zu vergessen: Die genauso grellen wie großartigen Samuraiepen der 70er-Jahre: Zatoichi, der blinde Masseur, der in seiner Filmreihe unter anderem gegen Yojimbo persönlich und gegen einen einarmigen Chinesen antritt, Kozure Ōkami, der Auftragskiller und alleinerziehende Vater, der mit seinem kleinen Sohn durch die Lande wandert und schneckengleich eine Spur aus Blut und Hämoglobin hinter sich herzieht (in Mimik und Gestik, wenn man es mal genau vergleicht, ist der Okamischauspieler Shintaro Katsu übrigens ein einziger, wenn auch wirklich sehenswerter Toshiro-Mifune-Verschnitt, ebenso in seiner anderen Paraderolle als Hanzo the Razor, ein ehrenwerter Cop im korrupten alten Japan, der nicht zuletzt dank seines enormen und brutal abgehärteten Gemächts und der daraus resultierenden Hilfe aller Frauen seiner Umgebung jeden noch so verschachtelten Fall knackt), oder auch die jüngst von Tarantino in Kill Bill 1 dreist plagiierte Shurayuki-hime (Lady Snowblood) – alle stark von den zugrunde liegenden Mangacomics beeinflußt, nichtsdestotrotz absolut sehenswerte Gute-Laune-Filmchen voll Blut und Sex und schnellen Schwertern.

Und dann hat Kurosawa ja auch noch andere Filme gemacht: Seine frühen Gangsterstreifen! Die Sozialdramen! Die Literaturverfilmungen! Die Spätwerke! Aber ach, die Kunst ist lang, Filmartikel sind kurz und deshalb – Sayonara!

- Jakob Sobe -


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